17.12.2007
Eine Weihnachtskolumne
Für die meisten Menschen sind Strategien Pläne, die Aussagen machen sollen über zukünftiges Handeln - warum sollte man sie dann nicht planen können?
Ein Paradoxon bereits in der Überschrift
Karrieren "passieren". Erfolge von Organisationen auch. Das ist eine Möglichkeit der Betrachtung - Karrieren lassen sich planen, ebenso wie der Erfolg von Organisationen. Das ist die andere Möglichkeit der Betrachtung. Die Standpunkte erscheinen widersprüchlich.
In China behauptet man Ersteres, in Europa wird in der Regel Letzteres behauptet; beide Kulturen bestehen nebeneinander und sind von ihrer jeweiligen Überzeugung geprägt und schaffen sich dadurch eine eigene Wirklichkeit.
Je nach dem, von welchem dieser Stand- und Bezugspunkte aus Sie denken und zu welcher Betrachtungsweise Sie tendieren, wird möglicherweise das passieren, wofür Sie sich entscheiden - oder genau das Gegenteil.
Wir entscheiden uns für beide Wirklichkeiten. Für uns sind diese Betrachtungsweisen kohärent. Die Summe dieser Extreme (China und Europa) stellt für uns eine ganz neue Wirklichkeit bereit, es gibt durchaus Möglichkeiten der Übereinstimmung zwischen "Passieren" und "Plan".
Jeder kennt Situationen, in denen Pläne nicht richtig greifen: wir haben klare Ziele und Vorstellungen vor Augen, hervorragende Pläne dazu druckfertig in der Schublade und dann geschieht plötzlich etwas ganz anderes, etwas, was den Plänen scheinbar diametral entgegenläuft oder zumindest nichts mit dem ursprünglichen Plan auch nur annähernd zu tun hat. Die militärische Planung kennt solche Fälle zu Tausenden. Im Krieg weicht die tatsächliche Kampfhandlung ständig von dem ab, was ursprünglich geplant war.
Was nun?
Das Planen aufgeben oder Pläne mit aller Kraft durchsetzen?
Tun Sie erst mal nichts von beidem.
Halten Sie inne - ohne nichts zu tun. Passen Sie sich der Situation an.
Schauen Sie genau hin und versuchen Sie zu verstehen, was sich gerade zeigt, welche Situationen sich aktuell abzeichnen und im Entstehen begriffen sind. Es bieten sich immer Situationen zur Entwicklung an. Manchmal sieht man sie nur nicht sofort. Beziehungsweise man kann der Situation nicht sofort einen (Bezugs-)Rahmen geben, sie nicht in Beziehung bringen zu den Situationen und Dingen, von denen Sie wollen, dass sie passieren, um Sie Ihren Zielen näher zu bringen.
Wie verhält es sich also mit den Plänen und weshalb funktionieren sie manchmal nicht?
Pläne entspringen immer der eigenen Logik des Erlebten und Erfahrenen und haben deswegen per natura einen rückwärtigen Bezug – sie funktionieren als Projektion der erfahrenen Wirklichkeit immer nur dann, wenn Sie das, was Sie in der Vergangenheit als "gut" erlebt haben, wieder erleben wollen. Pläne sind also eine Reproduktion von bereits Dagewesenem und damit nie mehr als ein "Modell" und ein "Ideal" der Vergangenheit.
Pläne sind auch dann rückwärtsgewandt, wenn das Ziel, dem der Plan entsprechen soll, ein vorwärtsgewandtes ist. Sie können also nur eine begrenzte Wirkung haben.
Was aber ist, wenn Sie Neues und Anderes erleben wollen?
Wenn Sie nicht zum zigsten Male die gleiche oder ähnliche Runde auf der ohnehin schon ausgeleierten Rille Ihrer Schallplatte abspielen wollen?
Was ist, wenn eine Veränderung notwendig wird? Oder, wenn in Ihrem Leben einfach etwas anderes passiert, als das, was sie intendieren, dass quasi das Gegenteil Ihrer Ziele eintritt? Auch dann wollen Sie - zumindest unbewusst - eigentlich etwas Neues und Anderes erleben, denn Sie haben rückwärtig Erlebtes dann nicht als positiv erfahren, werden Ihren Zielen deswegen nicht entsprechen können und folgen unbewusst dieser Erfahrung.
Wenn Sie in solchen Fällen an Ihrem Plan eisern festhalten, können Sie nur verlieren - dann siegt die Erfahrung.
Besinnen Sie sich zuerst auf Ihre Ziele. Klären Sie, was Sie erreichen wollen und wo Sie ankommen wollen. – Vergessen Sie aber bitte nicht die möglichen Konsequenzen, das heißt die Bedingungen Ihrer Zielerreichung, vermeiden Sie Zielkonflikte. Stellen Sie sich auch die Frage nach dem Preis. Welcher Preis für welches Ziel zu zahlen wäre.
Was ist Ihr wirkliches Ziel, welches Ziel hat die größte Wirkung für Sie und verspricht Erfolg?
Denken Sie dann vom Zielpunkt aus, nehmen Sie radikal die andere Perspektive ein, und machen Sie einen Plan! Mit welchen Mitteln erreichen Sie welchen Zweck?
Jawohl, Sie haben richtig gelesen, auch wenn er, wie vorher ausgeführt, nicht zu funktionieren droht – planen Sie, bringen Sie eine Logik in Ihr Vorgehen, begreifen und analysieren Sie die logischen Zusammenhänge der Zielerreichung und legen Sie auch eine theoretische Abfolge und entsprechende Maßnahmen fest. Zu irgendeinem späteren Zeitpunkt werden Sie den Plan (ge-)brauchen - auch wenn Sie den Moment des Nutzens heute nur erahnen können. Setzen Sie sich mittels Plan in Bewegung - alleine der Prozess der Planung ist bereits eine Hinbewegung auf das eigentliche Ziel. Und nun Achtung!
Treten Sie nicht in Aktion, aber bewegen Sie sich.
Was aber meint das?
Überlassen Sie dem Leben die Aktion und handeln Sie dem entsprechend - beobachten Sie und halten Sie sich innerlich beweglich, rechnen Sie mit nichts, formen Sie keine Erwartungen, aber bleiben Sie Ihrem Ziel treu. Lassen Sie den aufwändigen Plan, das Modell und Ihre Vorstellung gezielt los, so paradox es klingen mag – es ist paradox! Die Logik des Lebens ist ein einziges Paradoxon, wenn man sie nicht zu deuten vermag.
Vertrauen Sie auf die gegebene Situation. Es wird das Richtige passieren, es wird sich die Situation anbieten, deren Entwicklung den geringsten Widerstand mit sich bringt und damit höchste Effizienz im Handeln ermöglicht.
Nutzen Sie die Situation, die sich abzeichnet, vor dem Hintergrund des Zieles, nutzen Sie das Potenzial der sich darbietenden, realen Situation. Handeln Sie und experimentieren Sie. Finden Sie heraus, was trägt – stabilisieren Sie sich und die Situation, indem Sie die tragenden Faktoren identifizieren.
Eine Situation ist dann "tragend", wenn sie Entwicklung verspricht.
Sie können zwar eine Route mit Ihrem Schiff planen, welche Wege das Wasser allerdings nimmt, ist wenig vorhersagbar - navigieren Sie! Schwimmen Sie nicht gegen den Strom, "surfen" Sie. Machen Sie sich die Bewegungen des Wassers für Ihre eigene Fortbewegung zu Eigen. Erproben Sie die Wirkung. Gehen Sie von der Situation aus, ziehen Sie einen Nutzen aus den Umständen. Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Sie sich von der Situation tragen lassen sollen und fühlen Sie, wie sie Sie trägt.
Hierfür braucht es keine übersinnlichen und metaphysischen Erklärungen.
Dieses Erscheinungsbild ist ein natürliches und entspricht auch dem Gesetz der Emergenz: es gibt Phänomene, die sich letzten Endes wissenschaftlich nicht final beschreiben lassen. Gerade beim Zusammenwirken komplexer Systeme verhält sich die Summe der Einzelsysteme anders als die logische Addition derselben. Nehmen wir zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der Physik: betrachtet man die Eigenschaften eines Gases und die Eigenschaften der Moleküle, aus denen jenes Gas besteht, so verfügt das Gas über Eigenschaften wie etwa "Temperatur" oder "Druck", dies hingegen ist für keines der konstituierenden Moleküle der Fall.
Durch die Verknüpfung neuer Systeme entstehen viele nicht vorhersagbare und neue (bereits grundgelegte) Wirkbeziehungen, die eine genaue Planung und Vorsehbarkeit unmöglich machen. Strategien entstehen und bestehen aus komplexen Zusammenhängen.
Dennoch brauchen wir auch einen theoretischen Plan. Wir brauchen ihn, um uns in Bewegung zu setzen - und um uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auch wenn wir mit großer Sicherheit sagen können, dass sich in Summe etwas anderes zeigen wird, so liegt seine Bedeutung im Sich-in-Bewegung-setzen und im Verstehen der Vergangenheit begründet und von hier aus entfaltet der Plan seine Wirkung.
Der erfolgreiche Stratege ist der, der die Prozesse richtig zu deuten versteht. Das tut er dann, wenn er um die Vergangenheit weiß und die Ziele kennt, dann kann er einen Standpunkt beziehen, von dem aus er frei ist für den Prozess.
Er ist frei, das zu gestalten, was gerade geschieht.
Schiffe sind im Hafen am sichersten, aber gebaut worden sind sie für das offene Meer. Sie müssen hinaus fahren, und Sie müssen Fragen mit nach Hause bringen.
Suchen Sie nach den Fragen, liebe Leser und nicht nach den Antworten. -
Glauben Sie an Wunder, wenn Sie Neues erleben wollen, und bescheren Sie sich selbst: Vertrauen Sie der Situation!
Frohe Weihnachten
UTA VON BOYEN
PS: Liebe Leser, entscheiden Sie, was Sie glauben wollen und was der Glaube mit dem Wollen zu tun hat und, ob Sie schließlich mit uns übereinstimmen. Es gibt ohnehin keine Wahrheiten, maximal kann es zu Übereinstimmungen kommen. Das alleine glauben wir.